Die Glosse

Rauschheim nach der Weltmeisterschaft 2010

Lieber Joseph,

jetzt ist die Fußballweltmeisterschaft schon einen ganzen Monat vorbei, aber mich beschäftigt immer noch das klare Tor vom Lampard, das wo der Schiedsrichter nicht gegeben hat. Du erinnerst Dich, das war im Achtelfinale gegen England. Der Apotheker ist mir am Wochenende über den Weg gelaufen und hat dazu nur gesagt: „Der Schiedsrichter entscheidet halt absolut bei einem Fußballspiel wie bei Euch in der Kirch der Papst mit seiner Unfehlbarkeit.“

Gewiss, das war eine protestantische Stichelei, über die ich dann aber als Katholik schwer nachgedacht habe. Sollten wir zwei nicht an der Stelle mal bei einem Kasten Paulaner gründlich nachbohren?

Unfehlbarkeit, ob beim Schiedsrichter oder beim Papst, macht mich unglücklich. Da kämpft eine Mannschaft wie ein Löwe, schießt ein klares Tor, aber der Schiedsrichter dreht denen eine Nase und entscheidet auf Nicht-Tor. Und das gilt, obwohl alle es gesehen haben, der Ball war drin. Der Schiedsrichter allein hat die Vollmacht gegen das ganze Stadion und die Fernsehzuschauer zu entscheiden: kein Tor! Dadran änderst Du nichts, nicht einmal mit einem 100prozentigen Volksbegehren. So eine Ohnmacht macht mich wild.

Und, lieber Kumpel, wie ist es bei unserem Papst? Der verfügt einfach: „Der Gebrauch von Kondomen ist immer und unter allen Umständen verboten.“ Dann spielt es keine Rolle mehr, dass alle Welt sieht, im AIDS-verseuchten Afrika kostet das unüberschaubar viele Menschen das Leben, die Kinder werden Waisen (allerdings, das
Elend der Angesteckten wird in katholischen Sozialstationen zu mildern versucht).
Manchmal kommts mir vor, so stark wie dem Schiedsrichter sein Machtwort ist das vom Papst aber doch nicht. Obwohl Papst Paul der VI. die Pille verboten hat, nehmen die Frauen sie munter weiter, und dem Papst sein Dogma ist für die Katz. Und die Weibsleut, die wo gegen seine hochamtliche Lehre handeln, haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen, sonst täten sie ja nach der morgendlichen Pille nicht so forsch zur Kommunion gehen.

Also der Fußballschiedsrichter in seiner kurzen Hose erreicht etwas und der Papst in seiner Goldmontur fast nichts. Manche Katholiken drücken ihre Respektlosigkeit vor der Pillenenzyklika dadurch aus, dass sie Papst Paul VI. einfach nur „Pillen-Paul“ nennen. Der Papst hat tatsächlich nicht einmal die Macht eines hundsgewöhnlichen Fußballschiedsrichters. Also so viel steht fest: Eine Lehre vom Papst muss den Christgläubigen einleuchten, sonst fragen die nichts danach, beim Schiedsrichter ist nicht einmal das notwendig. Wie der etwas pfeift so gilt es. Das englische Tor hat er nicht gepfiffen, also zählt es nicht, und das Spiel ging weiter, als wär der Schuss von dem Lampard irgendwo in die Wolken gegangen.

Wie sich die Zeiten ändern. Früher hat unsereiner gemeint, der Frühschoppen schmeckt nur, wenn man vorher im Hochamt war, und genau so stand fest, jedes Machtwort des Papstes müssen wir hinnehmen und befolgen.

Joseph, am besten treffen wir uns in Deiner Werkstatt. Dort sind wir ungestört.

Es grüßt Dich Dein Freund Sepp.

Du siehst auch unsereiner stößt auf Schritt und Tritt auf die Kirche. Und manche ihrer Entscheidungen regen einen so stark auf wie die beim Fußball. Das wollt ich Dir mal schreiben, weil Du immer wieder durchblicken lässt, uns Gewerkschafter und Sozis täten die Kirch und ihre Lehre kalt lassen.

P.S.: Joseph, in unserem Gespräch sollten wir auch noch das Thema „Eigentor auf dem Fußballfeld und in der Kirche“ kurz behandeln.


© imprimatur Oktober 2010
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