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44. JAHRGANG
 
8 . Dez. 2011


INFORMATIONSDIENST DER ARBEITSGEMEINSCHAFT VON PRIESTER- UND SOLIDARITÄTSGRUPPEN IN DEUTSCHLAND (AGP) 2011 / 8

Sind die Sorgen der Armen auch Sorgen der Kirche?
Thematischer Rahmen für die AGP-Jahresversammlung 2012

Die AGP-Regionalkonferenz NRW hat am 24. November getagt und den thematischen Rahmen für die nächste Jahresversammlung festgelegt. Im „Jubiläumsjahr“ der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils können nachkonziliare Reformgruppen natürlich dieses Datum nicht einfach übergehen. Andererseits wird keine Nostalgieveranstaltung für kirchliche Alt-68er geplant.

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Mit dieser vollmundigen - bis zum Überdruss zitierten – Aussage beginnt die Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ (GS). Die schlichte Frage „Stimmt das denn?“ entlarvt das falsche Pathos dieser scheinbar selbstverständlichen Feststellung, legt sie als nicht eingelöstes – vielleicht gut gemeintes – Versprechen bloß. Die Sorgen gerade der Armen als Sorge der Kirche? Schön wär’s!

Vor dem Hintergrund dramatischer, weil inhumaner Veränderungen und Entwicklungen seit dem Konzil, wird sich die kommende Jahresversammlung zunächst mit der Sicht der Kirche auf die Welt in den 60er Jahren beschäftigen; auf die theologischen und (kirchen-) politischen Implikationen, auf die Grenzen und die blinden Flecke der Pastoralkonstitution GS.

Dann sollen vor allem die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten mit ihren Auswirkungen auf das Leben gerade der „Armen und Bedrängten“ aufgezeigt und die Frage danach gestellt werden, in welcher Weise die Kirche selbst in diese Prozesse involviert war – als ideologischer Wegbereiter, als Profiteur, als Opfer etc.

Schließlich wird es die Aufgabe der JV sein zu versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, was eine Konstitution über „Die Kirche in der Welt von heute“ heute zu sagen hätte: theologisch, aber auch in Bezug auf die Konsequenzen für die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisenfelder – und nicht zuletzt für eine den Menschen zugewandte und dadurch glaubwürdige kirchliche Praxis.

An einem für die christliche Botschaft und für die kirchliche Verkündigung zentralen Punkt soll also der Versuch unternommen werden, das Konzil ernst und die Kirche beim Wort zu nehmen, neue Perspektiven und Wege in die Zukunft zu eröffnen, damit die Sorgen der Armen wirklich zu Sorgen „der Jünger Christi“ werden.
Das Datum der JV darf guten Gewissens in den neuen Kalender eingetragen werden: vom 18.5. (Pfingstmontag) 18.00 Uhr bis Mittwoch, den 30.5.2012 um 13.00 Uhr.

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Das II. Vaticanum – Schnee von gestern?
Ein Brief von Tiemo Peters

Es gibt neben den „Jubiläums-Gründen“ manch gutes Argument, warum in letzter Zeit und wohl auch in den kommenden Monaten und Jahren die Diskussion um Bedeutung und Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils besonders intensiv geführt wird (werden muss?). In einem Werkbuch „Der doppelte Bruch“ hat das Münsteraner Institut für Theologie und Politik Materialien für eine Debatte zusammengestellt, u.a. mit persönlichen Stellungnahmen von Zeitgenossen des Konzils. Einer von ihnen ist Tiemo Peters, der 1999 an der Jahresversammlung der AGP zum offensichtlich bleibend aktuellen Thema „Kirchenkrise – Gotteskrise: Wie verhält sich die sog. Kirchenkrise zur Gottesfrage?“ als Referent teilgenommen hat. Sein Beitrag wird hier dokumentiert, weil die darin vertretene Position bzw. Anfrage auch im Hinblick auf die Diskussion unserer Gruppen, die sich ja weitgehend auf die Impulse des Konzils zurückführen, von Bedeutung sein könnte.

„Liebe Freunde, euer Brief vom 14. Oktober, in dem ihr mich einladet, für eure Werkmappe eigene Erfahrungen mit dem letzte Konzil beizusteuern, hat mich irritiert, ja verstört. Nicht, dass er nicht von einer beeindruckenden Aktivität zeugte, die ihr um das II. Vatikanum entwickelt habt und weiterhin zu entfalten gedenkt, sondern weil mich dies letztlich nicht mehr berührt – so, als hätte in mir nie etwas gebrannt, was nicht stimmt.

Als das Konzil begann, ist mir Rahner bereits anfänglich vertraut gewesen. Es wunderte mich, dass man diesem Jahrhunderttheologen auf dem Konzil nicht entschiedener gefolgt war. Ich stieß damals auch auf Dietrich Bonhoeffer, meinen ersten Politischen Theologen, und war empört, dass die Fragen des Judentums und der christlichen Verantwortung an der Shoa vom Konzil so deprimierend schwach wahrgenommen und kaum artikuliert worden sind. Auch dass die soziologische Kategorie, die besonders er für die Theologie entdeckt und reklamiert hatte, in den Texten des Konzils, und selbst bei „seinem“ Volk-Gottes-Thema, einen so geringen Stellenwert hatte, erstaunte mich. Schließlich war ich jung und naiv. Ich kannte mich nicht aus mit den Tricks und diplomatischen Manövern, durch die sich die konziliare Wahrheit peu a peu herausbildet, bevor sie sich in ihre konsensfähigen Bestandteile auflöst.

Ich bin während des Konzils in Walberberg gewesen, dem damaligen Generalstudium der Dominikaner. Wir waren „exemt“, d.h. aus dem juristischen System der Kirche ausgegliedert. Einige, auch ich, probten in „Lorscheid“ zwar nicht den Aufstand, wie unsere Ordensoberen meinten (um uns mit dem Ausschluss zu drohen), hatten aber doch eine wirkliche Ordenrevision (bis hin zu einem neuen theologischen Verständnis der Evangelischen Räte) im Sinn. Sie schien uns auch deshalb angezeigt, weil das Ordernsdekret zu einem der schwächsten des ganzen Konzils gehört: ein Hinweis auf die Schwäche der Orden. Zahllose Mitbrüder, die hochmotiviert in den Konzilstagen eingetreten waren, haben in den 1970er Jahren in einem wahren Exodus die Ordensgemeinschaften und oft auch die Kirche verlassen – meist aus Enttäuschung.

In meiner Münsteraner Zeit (ab WS 1969) übernahm ich die eher skeptische Position, die Johann Baptist Metz gegenüber dem Konzil bezog (zu kirchenfixiert, zu wenig fundamentaltheologisch, zu gottvergessen). Mein Blick auf die real existierenden Gemeinden, herab vom Plateau der Münsteraner Fundamentaltheologie, war entsprechend getrübt und von vorauseilenden Bedenken getragen. Die Zweifel wurden gestützt von der prallen basiskirchlichen Identität, die unsere fantastischen Freunde aus Lateinamerika mitbrachten, und die wir übernahmen, ohne sie selber leben zu müssen. Die Bürgerkirche gab uns auch kaum Gelegenheit und reagierte , wie in meinem Fall, bei der kleinsten Kollision mit Predigtverbot.

Hat das Konzil, denke ich heute, an der Basis der bundesdeutschen Kirche tatsächlich stattgefunden? Ich zweifle. Es gab faszinierende Aufbrüche, aber das waren Ausnahmen, manchmal deutsch-deutsch verfremdet, wie bei der Hallenser Studentengemeinde von Pfarrer Brockhoff, zu der wir aus Walberberg regelmäßige Kontakte pflegten.

Ich frage mich, frage euch: Lassen sich die Konzilsergebnisse, die ihr detailgetreu auflistet und wie Faustpfänder für die Zukunft betrachtet, in Form einer gleichsam nachholenden Rezeption wiederbeleben, bei uns, wo sie doch gar nicht richtig gelebt haben? Weshalb ich aber für die geplante Website bzw. Werkmappe nichts beisteuern kann, liegt neben solchen Gründen ganz besonders daran, dass ich mich, ebenso wie ihr, frage, ob das Konzil „aus institutionskundlicher Sicht die richtige Interpretationbasis für die bestehenden Konflikte“ und Krisen ist, ob gegenwärtig nicht ganz andere Prozesse und Mechanismen am Werk sind, die man analysieren müsste und auf die zu reagieren wäre.

Mit der Bitte, dies nicht als Zeugnis meiner Resignation zu werten - es ist eher Angst -, grüße ich euch herzlich, euer Tiemo R. Peters, Dominikaner, Theologe, Münster“

(Zit. aus: Institut für Theologie und Politik (Hg.), Der doppelte Bruch – Das umkämpfte Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils, Münster 2011, S 67; Bestelladresse: ITP, Friedrich-Ebert-Str. 7, 48153 Münster)

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Der Kapitalismus hat tiefe Wurzeln

Viele wachen Zeitgenossen beklagen die Folgen, vor allem die „Auswüchse“ des Kapitalismus. Manche wollen den Kapitalismus, der die große Politik in seinem Schlepptau hat, am liebsten ganz abschaffen, ausreißen wie ein Unkraut. Immer mehr nimmt dieser nämlich die Züge einer Religion an. Auch die AGP musste sich wiederholt mit den damit zusammenhängenden Fragen herumschlagen, siehe den Artikel Der biblische Gott und die Herrscher der Welt (S.170) im AGP-Buch und den folgenden Artikel.

Aber dieses Unkraut hat tiefe Wurzeln in der Geschichte. Wie ein Parasit (so W. Benjamin) ist es immer mehr mit dem Christentum verwachsen. Dagegen zu moralisieren hilft ebenso wenig wie Weihwasser gegen den Teufel. Ein evangelischer Theologe hat es unternommen, historisch und sehr sachkundig darzustellen, wie es zu den heutigen Verhältnissen kommen konnte. Ohne diese Einsicht ist man dem herrschenden Trend schutzlos ausgeliefert. Sicher mag es zum Thema noch andere brauchbare Literatur geben, aber ich kenne keine. Dieses Buch von Christoph Fleischmann ist jedoch ausgezeichnet. Es beginnt mit der Wirtschaftsethik des Mittelalters und führt schrittweise bis zur Politik von Josef Ackermann, der mit seiner Bank in einem Jahr 25 % Rendite zu „erwirtschaften“ versprochen hat.

Der Titel ist: Christoph Fleischmann, Gewinn in alle Ewigkeit, Kapitalismus als Religion, Rotpunktverlag, Zürich 2010, 250 Seiten, ISBN 978-3-85869-416-4.

Zunächst werden Hintergrund und Zusammenhänge des jahrhundertelang strikten Zinsverbotes verdeutlicht. Zinsnehmen galt als Wucher; das Verbot ging auf das AT und das NT zurück. Mit der Ausweitung des Handels und wagemutiger Expeditionen wuchs im Lauf der Jahre der Kapitalbedarf und die Notwendigkeit, in zukünftige Projekte große Summen zu investieren. Große Handelshäuser entstanden, die auch der politisierenden Kirche - Zinsverbot hin und her - gern behilflich waren. Luther bestand bekanntlich auf dem herkömmlichen Zinsverbot, das auch formell in der katholischen Kirche bis 1803 galt. Über Kolonien, aus denen Silber und Gold kamen, und über Schuldverschreibungen wuchs die umlaufende Geldmenge mehr und mehr. Die schließliche Einführung des Papiergeldes, endgültig im 18. Jh., öffnete der Geldwirtschaft Tür und Tor.

Äußerst hilfreich ist die Auseinandersetzung mit der Philosophie von Adam Smith. Dessen Formel von der „unsichtbaren Hand“ dient bekanntlich bis heute historisch halbgebildeten Ökonomen als Deckmantel windiger Geschäftemacherei und dazu, BWL-Studenten den Aberglauben nahe zu bringen, privater Profit führe automatisch zu allgemeinem Wohlstand. Theorien der Stoa und sein eigener Deismus standen bei Smith Pate zu meinen, der liebe Gott würde mit „unsichtbarer Hand“ für Gerechtigkeit im Land sorgen.

Auch der Einfluss des römischen Rechtes, der das Prinzip des Privateigentums betonte, wird sorgfältig verfolgt. Bekanntlich geht es seit Jahr und Tag in der Kirche vor allem um die Verteidigung des (im gegebenen Fall vorhandenen) Privateigentums, weniger um die Sorgen derjenigen, die ohne Eigentum sind, aber Mittel für ihren Lebensunterhalt benötigen. Wie die zeitgenössischen Auseinandersetzungen belegen, versuchte die Sozialenzyklika Pius XI. 1931 noch, den Verdacht abzuwehren, man habe sich durch diese alte Tradition beeinflussen lassen. Sie erklärt pathetisch, dass „umstürzlerische Geister ohne Scham“ versuchten, „der Kirche Schimpf an(zu)tun durch die verleumderische Anklage, sie habe in die Lehre ihrer Theologen einen angeblich heidnischen Eigentumsbegriff sich einschleichen lassen (Quadragesimo anno. 46). Diese bombastische Sprache erinnert an die Weisheit: Qui s’excuse, s’accuse.

Inzwischen zeigt sich der Kapitalismus als eine Nötigung zu ständigem Wirtschaftswachstum. Die Frage stellt sich: In alle Ewigkeit?

Das sind nur einige Stichproben aus dem äußerst empfehlenswerten Buch, das auch zeigt, wie wenig mit der Kritik an der privaten Gewinnsucht von Banken- und Industriemanagern auszurichten ist. Der Wurm steckt im System!

Im Zusammenhang mit der Reformation fallen einem Katholiken am Rande einige Ungenauigkeiten auf (Ablass etc.). Am drolligsten ist die Bemerkung (S. 28, vgl. 51), dem Gewinnstreben hafte lt. Thomas von Aquin „etwas Schamhaftes“ an. Ein gediegener Kommunionunterricht, bei dem wenigstens die katholischen Kinder oft über Schamhaftigkeit, Keuschheit und drohende einschlägige Sünden gründlich aufgeklärt wurden, war offenbar doch nicht ganz vergebens.
Es ist zu hoffen, dass die Themen dieses Buches auch in unseren Gruppen ein größeres Echo finden.

Carl-Peter Klusmann

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Aus Kirchentreue für Kirchenreform

Ein wichtiger „Nebensatz“

Telefonat mit einem französischen Freund. Thema: die Situation der Kirche in Frankreich und Deutschland, die Aufgabe der kirchlichen Reformgruppen, ihre gemeinsamen Motivationen. Dann fällt der Nebensatz „... denn wir engagieren uns ja aus Treue zur Kirche für die Kirchenreform“. Ich merkte auf, denn ein solch selbstverständlich klingendes Bekenntnis zur Kirche hatte ich seit langem nicht mehr gehört; nicht in den vielen Gesprächen mit Reform-Engagierten, nicht auf den zahlreichen Tagungen oder Konferenzen, bei denen es um die Zukunft der Kirche ging.

Woran lag dieser andere Zungenschlag? Ist die verschiedene Mentalität eine Erklärung? Das Alter? Denn der Gesprächspartner geht auf die neunzig zu – eine lange Biografie des Engagements für die Erneuerung der Kirche und für ein Kirchen- und Glaubensverständnis nach dem Buchstaben und vor allem dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Doch Mentalität oder Alter können keine Erklärung dafür sein, dass den „Reformohren“ hierzulande der Begriff „Kirchentreue“ wie ein Wort aus einer nicht mehr aktuellen Ausgabe des Duden, wie ein Fremdwort klingt. Sicher, wir erinnern uns in den Reformgruppen immer wieder daran, dass mit „Kirche“ nicht die Hierarchie und nicht „Rom“ gemeint ist, nicht das „römische System“, sondern die Menschen, die sich miteinander auf den Weg machen, um nach dem Wort des Evangeliums ihr Leben und, so weit das möglich ist, ihr Umfeld, „die Welt“ zu gestalten. Dennoch: Häufig wird über die Kirche geredet, als ginge es um ein „feindliches“ Gegenüber, einen „alten Lumpensack“, auf den man - natürlich risikolos - eindreschen kann; die Kirche: ein unverbesserlicher Patient, der sein Schicksal dem eigenen Fehlverhalten zuzuschreiben hat und den man darum getrost auch diesem aussichtslosen Schicksal überlassen kann.

Was heißt für die Reformgruppen „Kirchentreue“? Beinhaltet sie nur die Verbindung mit denen, die auf unserer Linie liegen? Verweist sie nur auf Orte, an denen wir uns „wohlfühlen“, weil die Liturgie, die Predigten, das „Niveau“ nach unserem Gusto sind? Befinden wir uns so im Kreis der Kirche mit ihrer oft sicherlich auch ärgerlichen Vielfalt oder finden wir uns auf diese Weise doch nur in der Gruppe derer wieder, die zu einer ähnlichen sozialen Schicht gehören - und zwar zur bürgerlichen? Dabei kritisieren wir doch so gerne die „bürgerliche“ Kirche.

Es wundert mich schon, mit welchem Eifer sich Menschen für die Reform - oder doch eher für den Abriss? - einer Institution einsetzen, die man grundsätzlich auf dem Holzweg wähnt, für reform- und beratungsresistent hält. Das erscheint mir so, als ob Ärzte alle intensivmedizinischen Raffinessen während einer Beerdigung aufbieten würden. Ein unsinniges Unterfangen.

Gerade wenn im Augenblick heftig um das richtige Verständnis des II. Vaticanums gestritten wird, und darüber, wie die Kirche zukunftsfähig erneuert werden soll, müssten wir uns doch daran erinnern, dass gegen alle Erwartung und aller kirchlich-hierarchischen Verhärtung zum Trotz das Konzil stattgefunden hat. Ist dieses denn nicht aus ihr selbst entstanden? Und streiten wir nicht in den kirchenkritischsten Debatten dennoch im „Kontext“ dieser Kirche und mit Argumenten, die wir aus ihrem „Fundus“ schöpfen?

Wir brauchen bekanntlich nicht das Rad neu zu erfinden – aber auch nicht die Kirche. Was allerdings im wahrsten Sinne des Wortes Not tut, ist das entschiedene Eintreten für eine ständige Erneuerung der Kirche nach dem Evangelium und, insoweit das Konzil dieser Maßgabe selbst entspricht, nach dessen Impulsen und Geist. Wir werden bei diesem Unternehmen vieles – vielleicht neu – entdecken, was wir (Pardon!) treu tradieren können; aber natürlich auch vieles, was beendet und verworfen werden muss – und nicht weniges, was neu zu entdecken und zu entfalten ist.

Ut

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„Neue Zugänge zur alten Botschaft“

(Buchbesprechung)

Die ersten Seiten der „Freckenhorster Kreis Informationen“ sind reserviert. Angelika Wilmes, seit über 30 Jahren Mitglied dieser AGP-Gruppe (und seit langem Mitglied im Ständigen AK, dem Arbeitsgremium des FK) und eine ihrer treibenden Kräfte, schreibt hier jeweils den „Leitartikel“. Manchmal ist er eigens mit „fk-Diskussion“ überschrieben, immer aber bietet er Stoff dazu: anregend, provozierend, nachdenklich. Darum war es eine gute Entscheidung, eine Auswahl dieser Artikel jetzt in einem kleinen Buch einer weiteren Leserschaft vorzulegen.

Die Autorin scheut sich nicht, schwierige theologische Probleme anzusprechen, z.B. mit dem Stichwort „Gottesbilder“ (53ff) oder mit Gedanken zum Theodizeeproblem (110ff). Nicht nur reiche Erfahrungen aus dem kirchlichen Umfeld, sondern auch aus alltäglichen Lebenszusammenhängen stehen im Hintergrund vieler Ausführungen und geben ihnen eine große Glaubwürdigkeit. Das trifft auch für die Sicht auf die Reformbemühungen in der römisch-katholischen Kirche zu, wenn sie z.B. die große Hoffnung auf eine den Menschen zugewandte Kirche mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines „langen Atems“ verbindet (69). Was nicht selten von Jüngeren in kirchlichen Reformbewegungen übersehen oder gar bewusst ausgeklammert wird, gerät bei ihr nicht aus dem Blick: die Gemeinde vor Ort. Bereits in der Überschrift eines Beitrags erinnert sie an ein wesentliches Element des Christlichen: „Christlicher Glaube – Gemeindereligion“. Angesichts des Trends zu Großpfarreien plädiert sie für überschaubare Gemeinden und benennt deren wichtigsten Kennzeichen (47f).

Eine Klammerbemerkung („Das können wir nicht ernst genug nehmen“, 84) könnte als Schlüssel zum Verstehen des Buches und des „Anliegens“ von Angelika Wilmes dienen. Sie bezieht sich mit diesem Hinweis nämlich auf den notwendigen Zusammenhang, die innere Einheit von Gottes- und Menschenliebe. Die Artikel könnten als unterschiedliche Variationen diese Grundthemas verstanden werden.

Im Buch wird theologisch angemessen argumentiert, was nicht eine umfassende Zustimmung zu allen Positionen zur Folge haben muss. Man merkt überall die Prägung durch das Zweite Vatikanische Konzil und die Schulung durch eine entsprechende Theologie. Ohne schwierige Fragen unstatthaft zu vereinfachen, kommt die Autorin ohne sprachliche Akrobatik aus. Das Buch ist darum nicht nur für die persönliche Lektüre zu empfehlen, sondern auch geeignet als Impulsgeber für Gesprächsrunden in Gemeinden.

Der Titel „Neue Zugänge zur alten Botschaft“ macht deutlich, dass hier niemand den christlichen Glauben neu erfinden und mit der Attitüde einer längst überfälligen Erleuchtung „die alte Botschaft“ auf die Müllhalde der Kirchengeschichte kippen möchte. Es geht vielmehr um „neue Zugänge“ – nicht zuletzt zu den Menschen unserer Zeit, damit diese die alte, immer neue Botschaft überhaupt wahr-nehmen können.

Angelika Wilmes leistet dazu einen wichtigen, gleichsam sympathischen Beitrag.

Ut

(A. Wilmes, Neue Zugänge zur alten Botschaft, Berlin 2011; ISBN 978-3-86557-273-8)

Zum Schluss: „Wer das Programm des Weltbild Verlages, im Eigentum von vierzehn deutschen Diözesen und der katholischen Soldatenseelsorge, kennt, speziell dessen boomenden Vertrieb halbseidener Produkte, kann viel über kapitalistisch induzierte episkopale Schamlosigkeit lernen. In ökumenischen «Sozialworten» kritisiert man zugleich die Fegefeuer des Marktes und den modernen Konsumkapita1ismus. Im Umgang mit kognitiver Dissonanz haben die Kirchen eben ungleich mehr Erfahrung als jeder andere gesellschaftliche Akteur.“ (F.W. Graf, Kirchendämmerung, S. 20f)

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